Mittwoch, 29. Juni 2016

Normativität ... Robert




Er hat wieder gemalt, der Robert.
"Ich mach ein Foto, und Du tust es in den Blog!"

Das ist der Einband seiner neuen Kochmappe.
Dazu erzähl ich Euch ein ander Mal etwas mehr.














Nun geht die Diskussion weiter.
Die letzten beiden Post haben Wellen ausgelöst.

Hallo Anna
kein Aufschrei von mir. Du hast ja dazu geraten nun nicht aufzuschreien nach Deinem Kommentar.
Aber ein paar Gedanken, die uns kamen als wir Deinen und andere Kommentare lasen, möchte ich nun niederschreiben.

Dein Einwand mit dem Robert, der nie alles über sich lesen sollte bekommt von uns folgende Antwort:

Wenn Robert doch noch lesen verstehen wird, dann darf er auf und ab im Blog lesen. Einige Post liebt er, hat sie sich schon so oft vorlesen lassen, dass er sie auswendig kennt.
Er ist anders, ja. Aber so anders auch wieder nicht, dass er gar nichts versteht, einorden kann. Selbst wenn er sich in auffällige oder unmögliche Situationen bringt, gibt es immerwieder einen Schein von Verstehen, manchmal ist's ihm sogar unangenehm oder peinlich.
Ich schreib ja nicht heimlich, er hat viele Mitleser aus der Familie. "Du, such mal den Post wo ich ..... " sagte er ab und zu und guckt sich das dann nochmal an ... und lässt es sich eben vorlesen, wenn er es noch nicht auswenig kann. Und das sind auch Post in denen autistische Verhaltensweisen beschrieben werden.

Was sollen wir denn da schützen?
Er ist im Leben ausserhalb der Familie, ausserhalb des Internets auch nicht geschützt. Niemand ist das. Wenn ich heute mit lila Haaren einen Fummel viel zu eng und Highheels nach draussen geh, bin ich sofort gefährdet angestarrt, ausgelacht, gefilmt und womöglich noch im  www zu landen ....
So geht es auch unseren behinderten Menschen.

Der Robert Papa geht ja gleich noch einen Schritt weiter:
"Ah .... diejenigen die Robert schützen wollen vor dem Internet in das wir ihn stecken ... die meinen nicht SCHÜTZEN sondern VERSTECKEN !!!!  So wie es immer schon war. Weg-versteckt-mit-anderen-Leuten, die sich ausserhalb unserer Norm, unserer verordneten Sitten aufführen, zur Schau stellen!

Ja, der Bub ist anders. Ja, der Bub tut Sachen die man mit Schämen, Wut, rotem Kopf oder sonstwas aushalten kann.
Wir sind eine lustige Familie.
Also, ich schränk das nun mal ein: Wir vier .... der grossen Robert-Familie, die noch zusammenwohnen.
Wir drei + der eine haben Humor von morgens bis in die Nacht.
Wir lachen ihn nicht aus, wir schreiben manches vom ihm gelieferte hier ins Blog und nehmen es tatsächlich lustig und freuen uns wenn andere auch schmunzeln tun, oder können!

Weil ... in echt ohne Filter tut er machmal noch seltsameres, und alle die ihn nicht mit Humor nehmen sind an ihm gescheitert.
Eine starke Aussage, Anna.
Das fing schon beim ersten Kinderarzt an.
Dem fehlte Humor. Und ... wir haben irgendwann gewechselt. Denn ein Arzt der mit strengen Blick und bösen Unterton auf das Kind und auf die Eltern reagiert passte nicht zu uns. Und ... dieser Arzt hat nicht mal eine Sekunde, trotz aller Vorsorgeuntersuchungen die Idee gehabt, er könnte einen Autisten vor sich haben.
Der hätte dem damals 3jährigen schon Medikamente gegeben, weil ... der hört und folgt ja gar nicht! Hyperaktiv ist der Bub. Die Mutter vielleicht doch zu alt bei der Geburt gewesen. Ohne Humor, sehr ernst war das seine ärztl.Diagnose.

Das ging so weiter in Roberts Leben.

Kindergarten
Schule
Freizeit
Hort
Verwandte, Freunde
Das was Robert am meisten geschadet hat, verletzt hat, teils für immer in seinem Herzen steckt waren Menschen die ohne Seele und ohne Humor mit ihm zu tun hatten. Es soll und kann ihn nicht jeder lieben, aber akzeptieren wie er ist .... und das dann achten!

Wir haben sehr schnell den Humor ins Leben gelassen. Durch Robert noch viel mehr.
Man kann ihn und sein Verhalten fast nicht ändern.
Man kann sich nun aufregen, das Kind mit Medis vollstopfen, Therapien machen bis ins unendliche.
All das war ja schon. Auch heute wird geschimpft, gestraft etc. Aaaaber, es kommt nichts an beim Buben.
Nur mit Humor und schräg verdrehten Normalitäten sind Ziele erreicht worden die vorher oft nicht denkbar waren.
Seit Monaten hat er Menschen um sich, die nicht die Strenge, die Norm, die sittlich und moralisch vorgegebenen Richtlinien bei ihm durchsetzten (wollen). Das hat sich einfach so ergeben. Schule, Freizeit, Individualbegleiterin, Ärzte, Therapeuten etc.  und wir ... die Kernfamilie .... machen es zufällig alle gleich. Nicht nach Regeln, die bei ihn so nichts bringen, sondern eben anders.
Anna, stell Dir vor: Durch Deinen Kommentar gab es hier Gespräche und dabei haben wir genau das festgestellt. Wir haben einen grossen Zettel genommen und am Ende fanden wir heraus, dass er tatsächlich aufeinmal von Menschen umgeben ist, die ihn so nehmen wie er ist und über vieles einfach mal herzlich Lachen.
Und wenn dann solche Geschichten im Blog zu lesen sind, wissen wir was wir tun!
Wir wollen die Seite eines Autisten wie Robert zeigen. Er ist nicht der, der nicht spricht, nicht guckt, still ist!

Einiges musste und muss er natürlich lernen. Guten Tag, Schlaft schön, Aufwiedersehen, Bitte, Danke, ich mach mal ... , ich bin mal ... darf ich ....  ....All das kann er schon. Er ist sehr höflich, der Bub.

Rote Ampeln, still sein in der Kirche, nicht ständig alle umarmen, auf dem Friedhof nicht Andreas Gabalier singen, Zähne müssen geputzt werden, nicht beschimpfen, böse Ausdrücke gehen gar nicht, die Grenzen von dem "Herrn xy" und dem "Fräulein abc" wirst  auch Du einhalten müssen Robert, Schreien, kreischen, laut beim Essen schmatzen, zum 1000ten Mal .... es schneit, da gehen Sandalen gar nicht!, ich möchte selber als erstes an MEIN Handy wenn es klingelt, hör nicht zu und rede nicht mit wenn Fremde miteinander sprechen, geh nicht ins Haus des lächelnden dir unbekannten Mannes, Räder fahren immer !!! rechts auf der Strasse, Ich mag den Kamin nicht angeheizt haben bei 25Grad im Schatten ..... und sooooo weiter .....
Viel davon kann er noch gar nicht, oder gar nicht, oder wird es nie machen. Bei ihm nicht vorgesehen solche Dinge ....

Warum der Post den Titel "Normativität" hat?
Weisst Du Anna, ich habe einige Male das Buch "Soziogenese der Normativität" gelesen. Ich lese anders wie die meisten Menschen. Ich fange vorne an, bei der Einleitung, dann kommt immer und bei jedem Buch .... der Schluss. So ungefähr die letzten 5oder 6 Seiten muss ich dann lesen. Und dann kommt mittendrin auf und ab .... Und dann wieder der Anfang und diesmal bleibe ich dabei.
Nun geb ich es öffentlich zu. Bei diesem Buch bin ich nie dabei geblieben. Anfang, Ende, mittendrin ... immerwieder.
Und nun hab ich es wieder aus dem Regal genommen und musste so herzhaft lachen.
Das Buch und so wie ich es lese .... das ist wie mit Robert.
Normativität - Robert  .... ich überlasse es dem Augen der Betrachter.

Ich habe einen Freund, der ist Philosoph. Der hat Robert und die Normativität schon lange Jahre in Verbindung gebracht. Er arbeitet auch schon viele Jahre mit behinderten Menschen. Die von ihm betreuten, begleiteten Menschen schützt er natürlich auch, und erzählt nix weiter, schon gar nicht in Internet.
Tu ich ja auch nicht,  kaum einer weiss etwas von meiner Arbeit mit den (fremden) Kindern.

Aber Robert tragen wir in die Welt!
Und wenn gelacht wird ist das so. Wenn er ausgelacht wird greifen wir ein. Wenn er beleidigt wird gleich noch mehr ... und wenn er selber sich zu seltsam präsentiert tun wir das, was in der jeweiligen Situation getan werden muss.

Liebe Leser, lauft mir nicht davon .... das musste sein.
Sonst sind meine Post ja meisten viel, viel kürzer ....
Vor lauter Aufregung schreib ich heut sogar ein bisserl bayrisch ist mir beim nochmal durchlesen aufgefallen. Aber auch des derf sei, oder?






Kommentare:

  1. Am besten hat mir gefallen "Wir sind eine lustige Familie".

    Das klingt für mich schön normal. Wenn ich es so bezeichnen darf. Und ich finde jede Familie darf selbst entscheiden, was sie schreibt und was nicht.

    Ihr macht es schon genau richtig für Euch.

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  2. Liebe ELisabeth,
    die Welt wird erst eine bessere sein, wenn wir nicht dauernd alle über einen Kamm zu scheren versuchen. Ich denke manchmal, dass es in dörflichen Kulturen solche besondere Menschen wie der Robert vielleicht ein bisschen leichter hatten. Alle kannten den/diejenigen, sie gehörten einfach in die Gemeinschaft, waren auf ihre Art akzeptiert und gemocht. Jeder sprach sie an, nahm und ließ sie sonst einfach so sein wie sie eben waren. Mag sein, dass ich das etwas verklärt sehe, aber ich kannte solche Beispiele auch bei uns im Ort, bis diejenigen dann eines Tages in eine Wohngemeinschaft weit weg verfrachtet wurden, weil die Einrichtung geschlossen worden war. Ich mochte diese Menschen, sie stießen manche Türen auf, die von "normalen" Menschen nicht einmal gesehen wurden. Sie hatten auch nicht so einen gewaltigen Anpassungsstress, weil ja jeder wußte: "Der ist anders" und man reagierte entsprechend darauf. Wenn derjenige zB twanzigmal hintereinander dieselbe frage stellte, antwortete man 3x und dann nicht mehr und es war gut. Auf der anderen Seite konnte der eine junge Mann eigenens Geld verdienen, weil er gerne Rasen mähte und dafür von vielen Gartenbesitzern freudig engagiert wurde. Dann kaufte er sich etwas Technsiches dafür und war ganz stolz. Ich fand das immer schön und finde es schrecklich, wenn alle in ein bestimmtes Schema passen müssen. Auf die Betreuenden kommt so ungleich viel mehr unnötiger Druck dazu. Mit einem liebevollen Blick könnten viele so viel von der Begegnung mit dem Robert profitieren (sicher nicht immer, aber sicher auch immer wieder), seinen anderen Blick auf die Welt und die Menschen. Wir bräuchten alle viel mehr andere Blicke und viiiiiiel mehr Liebe, Flexibiliät und Toleranz. All das können wir hier virtuell immer wieder üben. Hier auf deinem Blog, der mit so viel Herzblut geschrieben ist! Bleibt weiter so wie ihr seid und danke für eure ehrliche Präsenz.
    Liebe Grüße
    Elisabeth

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  3. Liebe Elisabeth,
    so wie es im Leben keine Norm gibt, gibt es die auch nicht beim Zusammenleben egal welcher Art. Aus der Ferne Diagnostik zu betreiben geht auch schon mal gar nicht. Du und deine Familie ihr liebt Robert, ihr kennt ihn genau, ihr habt Humor! und so ist es richtig und gut. Danke für deine Offenheit und liebe Grüße,
    Alice

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  4. Liebe Elisabeth,

    das könnt nur Ihr entscheiden, was veröffentlicht wird und ob Ihr es überhaupt wollt. Ihr habt Euch dafür entschieden. Ich persönlich habe meine Kinder und meine Familie immer außen vor gelassen. Sie wollen es auch nicht, dass ich Bilder veröffentliche. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen. Aber ich habe auch kein autistisches Kind. Daher kann ich gar nicht mitreden und würde mir nie ein Urteil erlauben.

    Für mich klingt das alles plausibel, was Du schreibst. Wie ein Tagebuch. Und Robert mag anscheinend gern in seinem Tagebuch lesen.

    Liebe Grüße Sabine

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  5. Liebe Elisabeth
    Gar keine Zeile zu lang ist dein Post. Und es freut mich enorm für euch, dass auch die Menschen in Roberts Umfeld jetzt stimmen. Mit Humor kommt man tatsächlich in vielen Situationen weiter. Ich habe früher in der Administration von einem Pflegeheim gearbeitet und da viele schwierige Situationen erlebt, die mit Humor viel einfacher zu bewältigen waren. Es sind oft die sogenannten "normalen" Mitmenschen, die es eigentlich schwierig machen. Es würde uns allen gut tun, mehr Robert-Geschichten zu erfahren.
    Herzliche Grüsse an euch alle
    Anita

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  6. Liebe Elisabeth,
    Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
    Euer Leben ist nicht leicht.
    LG

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  7. Also zur "Anna-Rettung" - wenn sie das überhaupt braucht - ich hätte ihren Kommentar so verstanden, dass nicht du, Elisabeth, oder irgendwer andrer Robert schlecht darstellt oder verlacht, sondern dass solche Posts, die sich eindeutig mit deinem Missbehagen über sein Verhalten (ja, steht dir zu, aber nur die Emotion!) befassen, eben gerade seine Inklusion verhindern (können), weil er darin eben NICHT NORMAL erscheint, so wie du es beschreibst. Und Inklusion bedeutet doch eben, dass man ihn einfach so nimmt wie er ist und die Abweichungen vielleicht besser nicht breit im Netz darstellt - egal wie humorvoll und erfolgreich man sonst mit Robert umgeht. Ich find ihn nämlich einfach klasse, kann aber mit deinen Posts auch nicht immer gut umgehen. Wenn du blaugefährbte Haare und Minikleid trägst, hast du dir das ja ausgesucht, er sich aber seine Art nicht, oder?
    Warum ihn also zusätzlich "markieren"?? Uch glaube nicht, dass es gut ist, mehr "solche" Geschichten zu erahren, wie es manche hier meinen. Macht doch wieder nur den Unterschied deutlich.
    Aber vielleicht habe ich auch alles missverstanden, ich werde mein Kind jedenfalls nicht im Netz beschreiben, obwohl es wohl ein Normal-chen ist :-), weil man eben im www auch keine komplexen Situationen abbilden kann, da gebe ich Anna Recht.
    Schönen Sommer aus Tschechien,
    Sybilla

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    1. Jeder hat seine Sichtweise. Das bedeutet nicht, daß man andere dauernd missionieren muß. Gesteh doch bitte jedem seine eigene, wohldurchdachte Meinung zu. Wenn Du etwas länger mitlesen würdest, Anna, würdest Du wissen, daß das Thema schon so oft aufgekommen ist. Es ist mittlerweile ermüdend, den eifrigen Missioniern bei der Arbeit zuzusehen. Jedesmal sind da unterschwellige oder auch offene Vorwürfe. Ich finde das sehr ungerecht und gemein.
      Datenschutz wegen beruflichen Kontakten zu hilfsbedürftigen Menschen ist außerdem noch eine ganz andere Hausnummer als privat.
      Aber so ist es, wenn man Kinder hat. Dauernd fühlt sich jemand berufen, Tips zu geben und besser zu wissen.
      Und übrigens finde ich nicht, daß es schlimm wäre, wenn Robert den Blog lesen könnte. Im Gegenteil, es wird später für ihn eher sehr interessant sein.

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    2. Wer antwortet hier jetzt eigentlich wem :-)))?
      An(nan)onym ohne Unterschrift auf den Post von Sybilla und spricht aber Anna an?
      Alle bisschen hitzegeschüttelt....
      Sonnigen Sonntag, regt euch ab, Elisabeth macht eh was sie will und wenn man den nächsten Post liest, nimmt sie Robert nicht immer ernst.
      Edith

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  8. Liebe Elisabeth,
    ich lass dir eine ganz dicke und herzliche Umarmung da!

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