Montag, 21. Juli 2014

Muss ich heute in die Schule, Mama? Es ist doch unser trauriger Tag!


So wie Mietze will ich es auch machen, ich bin noch sehr müde .... Wenn ich in die Schule gehen muss, dann werde ich dort weiterschlafen!
(Das wird er tun, der Robert. Er hat "seine" Ecke im Klassenzimmer und noch immer liegt er da ein- bis zweimal am Vormittag und schläft.)


Robert wird am Montag erst um halb neun abgeholt. Da haben wir Zeit zum lange Frühstücken und können uns unterhalten.
Heute hat er von draussen diese Lilie geholt. Wir haben an meinen Bruder gedacht, über den Unfall vor nun schon 9 Jahren gesprochen.
"Ich weiss nicht ob das echt der liebe Gott bestimmt, dass so ein Unfall passiert und der Onkel A. dann auch noch tot ist! Und dann kommt auch noch ein Feuer mitten im Sommer. Ich dachte nie, dass ein Auto brennen kann, Mama. Vielleicht hätte der Onkel ein anderes Auto kaufen sollen!"!


Robert fasst das Weltgeschehen ganz anders auf. Ich hab versucht mit ihm weiter zu sprechen, dass es egal ist ob Sommer oder Winter ... beim Unfall ging das Auto kaputt und warum es dann auch noch Feuer fing weiss keiner, wird nie jemand wissen und hat nichts damit zu tun, dass A. genau dieses Auto fuhr.

Nichts für zarte Gemüter was er dann sagte:

"Wie alt war ich da Mama? Ach ja, ich war ein Kindergartenkind. Aber ich weiss noch, dass sie den Onkel  Alfons einfach in eine Blumenvase reingetan haben, und die stand da auf einem Tisch voller Blumen. Das ist schon praktisch, weil als ein Wind kam hat die zarte Decke so schön geweht ....! Ich weiss noch, dass ein komisches Lied von Deinem Lieblingsänger, weisst schon den wo Du jetzt nimmer magst ... der hat ein Lied gesungen!"   ***

Er ging damals dort hin, ganz nah und hat die Urne und die zarte Decke gestreichelt. Wir haben ihm später erzählt, dass dort der Onkel war .... schon damals sprach er so: "Weiss man, wer bestimmt hat, dass der Onkel keinen Sarg bekommt?"
Für unseren Papa waren die seltsamen Gespräche mit Robert scheinbar gut. Lange Zeit haben die beiden auch am Telefon über all das Unglück vom 21.Juli 2005 gesprochen. Robert hat sich ständig in andere Details vertieft. Fragen, die nie jemand auch nur irgendwie eingefallen wären.
"Wenn schon das Auto verbrannt ist, und der Onkel auch, dann hat er wohl die Arbeitshose an in der Urne, oder Opa?"
"Opa, weisst Du eigentlich wo das goldene Feuerzeug hingekommen ist, das hat Onkel Alfons immer in der Tasche gehabt?"

Es gab viele solcher Sätze, Fragen.

9 Jahre schon, ich kann es nicht "fassen" .... Zeit ..... einfach vergangen!


**** das komische Lied war von Marius Müller-Westerhagen. Den liebte ich lange Zeit, mein Bruder auch. Es wurden Lieder von ihm auf der Beerdigung gespielt. Ich mag ihn nicht mehr .... seit er sein Leben auf den Kopf gestellt hat. Seine Lieder und Texte passen für mich nicht mehr, wenn er dann so ganz anders mit seinen Menschen umgeht ....  aber das ist heute auch egal. Ich wunderte mich nur, dass Robert dieses Lied ganz und gar laut und richtig singen kann. Das hat er heute morgen für meine Bruder gemacht!


Kommentare:

  1. Wie sich die Schicksale manchmal gleichen, auch die Schwester von meinem Mann ist mit Ihrer ganzen Familie im Auto verbrannt! Bei deinem Text musste ich so manches mal schlucken! Gut, dass Robert fragt und ihr sprechen könnt/ müsst, für uns Erwachsene ist es ja nicht immer so einfach über solche Schicksalsschläge zu sprechen, meist wird es irgendwann Totgeschwiegen! Ich bin auch immer wieder erstaunt, an was sich meine Kinder so alles erinnern und wie sie gewisse Dinge aufnehmen!
    Ich denke an Euch,
    lG Sabine
    PS: Jahrelang konnte ich Lieder die mein Bruder liebte nicht anhören, ich musste jedes mal das Radio ausschalten

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  2. Robert, du Frager, hör' nicht auf damit!

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  3. Es ist so gut, dass er frägt, drüber redet. und Du mit ihm.
    Er hat schon ein anderes Weltverständnis, Dein Robert. Und doch ist es logisch wenn man sich drauf einlässt.
    Dein Vater lebt nicht mehr?, entschuldige wenn ich so direkt frage.
    Ich hab nämlich bei der Arbeit mit meinen zu betreuenden (älteren) behinderten Menschen oft erlebt, dass die wirklich alten Besucher einen Draht gefunden haben. Die Seniorennachmittage mit unseren zu betreuenden sind sehr beliebt.
    Ich lese gerne bei Euch, ich finde es mutig, dass du erzählst und in die Welt hinausträgst.
    liebe Grüsse
    Maria

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  4. Es ist berührend welche Gedanken sich Robert macht. Das ist so frei und ehrlich.
    Er ist einfach ein bewundernswertes Kind.

    Liebe Grüße
    Brigitte

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  5. Liebe Elisabeth, was für eine gute Geschichte, die ja wahr ist.
    Aber eben schon teilweise recht lange her.
    Robert vergißt nichts. Das ist schon erstaunlich.
    Wie soll auch jemand begreifen, dass eine Urne das alles beinhaltet, das einen Menschen mal ausmachte?
    Wie gut, dass er dem Opa helfen konnte, das Ganze zu verarbeiten.
    Liebe Grüße Bärbel

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  6. Ich mag die Art und die Sicht, mit der Kinder mit dem Tod umgehen, ich finde das gar nicht seltsam. Sie sind viel freier in ihren Gedanken und machen sich keine Sorgen, ob man dieses oder jenes fragen darf. Manch Erwachsener würde das vielleicht als Pietätlos bezeichnen, ich finde diese Sicht der Dinge natürlich und logisch sehr nachvollziehbar.

    Bei uns hier gab es auch ganz viele solcher "seltsamer" Gespräche. Und ehrlich gesagt, hat mein Sprössling Robert dabei noch weit übertroffen, es war manchmal schon ziemlich gruselig.

    Auch wenn der Tag traurig ist, so macht Ihr doch etwas Besonderes aus ihm. Dein Bruder würde sich sicher freuen, dass Ihr so lieb an ihn denkt.

    Manuela

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  7. Oh, euer Verlust tut mir leid. :( Und ich finde es ganz herzig, wie Dein Süßer darüber spricht...und wie er sich an die wehende Decke erinnert...es ist so unschuldig kindlich. Und kluge Fragen stellt er. Ich denk an euch. Ela

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  8. Was für ein emotionaler Post.
    Ich drücke Euch alle ganz herzlich,

    Sonja

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