Mittwoch, 27. Februar 2013

Zu kräfig für die graue Zeit?


Ja und nein.
Das zartblau von gestern hat gut getan.
Das lila hier ist so kräfig wie die Schneefälle der letzten Tage wieder waren.
Ich bin froh, dass wir nun hier wohnen. Erinnert Ihr Euch noch wie viel Gehweg wir im vorherigen Wohnort räumen mussten?
Hier ist nur die Einfahrt zu räumen, das hat mir freie Zeit geschenkt. Wenn ich schon mal draussen bin, nur ein paar Meter zu räumen habe ....
Dann ....
ja dann konnte ich die beiden Gesellen bauen, die Ihr schon auf dem oberen Bild im Hintergrund seht.!


Nein!
Es war nicht ganz so.
Es war schlimmer als Schneeräumen. Robert hatte die letzten paar Tage Zeiten die zum davonlaufen gewesen sind.
Gestern nun wieder die totale Eskalation!
Wir waren draussen, er wollte Schlitten fahren. Allein!
So ganz allein geht das nicht, denn auch wenn er hier gut aufgenommen ist, Freunde hat ... er weiss nicht wie man sich in einer Gruppe sozial verhält. Er macht sich mit seinen Sprüchen, Ideen manchmal selber die schöne Stimmung in der Kindergruppe kaputt.
Ich bin mitgegangen, er hat es dann auch akzeptiert. Am Schlittenberg bauen zwei Buben einen Iglu.  Robert redet die nur komisch an. "Das soll eine Hütte sein? Soll ich Euch zeigen wie das geht? Warum darf ich nicht mitschaufeln? Ich kann ja von hinten graben!"
Das wollten die Buben nicht. Wer lässt sich schon von hinten ein Loch in die Hütte buddeln?
Ich kam nicht an Robert ran, konnte ihn fast nicht abhalten den Iglu zu zerstören mit seinen wilden Aktivitäten. Er fing mit seinen Hexen-Zaubersprüchen an ...
Er spürte nicht wie falsch sein Verhalten ist ....
irgendwie schaffte ich es dann doch, er ist auf den Schlitten gesessen wollte nun doch den Berg runterfahren.
Schnell war er unten ... lässt den Schlitten stehen ... und rennt weg!
Bis ich da hinterhergelaufen bin ... ein einsamer Schlitten unten am Berg, kein Robert mehr da. Auf geht's, die Suche nach dem Kind beginnt.
Nach einer halben Stunden finde ich ihn, er kommt mir von irgendwo entgegen. Schimpft und meckert. Er hat eine "Freundin" gefunden, aber die Mama hat ihn nicht mit ins Haus genommen wo er doch mit seiner neuen "Freundin" spielen wollte. Er zeigt mir wo er war, eine wirklich nette Frau sagt: "Irgendwann können wir das machen, die Tochter ist erst vier Jahre alt und ist nicht gewöhnt mit so grossen Buben zu spielen. Sie kennt den Robert ja gar nicht!" Versucht das mal einen bockigen, in seine Weltanschauung versunken Buben zu erklären. "Ich such eine neue Mama, Du bist schlimmer als eine Stiefmutter! Nieee darf ich zu meiner Freundin!" usw. alles ziemlich laut mitten auf der Strasse.
"Robi, geh von der Strasse runter, da kommt ein Müllauto!"
Es war dann so, dass ich das Kind und den Schlitten mit aller Kraft von der Strasse gezogen habe.... oh ja, es sind Schneeberge links und rechts, ein riesengrosses Müllauto blieb stehen .. war auch gut so! Es wohnen da Menschen die verwundert geschaut haben ... schön, nicht?
Irgendwie mit tausend Gedulds-Kraft-Energien hab ich den Robert wieder "umgedreht", er wollte nun mit nach Hause kommen und wir haben vorgehabt einen Schneemann zu bauen!
Rauf das Berglein ... oben spinnt das Kind schon wieder: "Ich wollte Schlitten fahren, ich wollte zu meiner neuen Freundin (...grrrr!!!), ich wollte neben der Strasse im Schneeberg liegenbleiben und das Müllauto anschauen!
Habt Ihr mich schreien gehört?
Die Nachbarschaft weiss nun bis zur letzten Maus, dass wir hier wohnen ....
"Geh nun ins Haus, rein mit Dir ... komm mir die nächsten 19 Minuten nicht mehr unter die Augen! Ich hab es satt, satt und nochmal satt so ein Benehmen auszuhalten! Das ist nicht gut, nicht fair, völlig falsch auch wenn man Autist ist ... und DU hast mir nun weh getan, mich verletzt! Geh mir sofort aus den Augen!"
Er wollte weinend ein Busserl, er hatte riesen Pupillen und hat gemerkt, dass Abstand von der nun endgültig laut tobenden Mama die bessere Lösung ist ....
Er ging ins Haus ...
und ich in den Garten hinters Haus....
Robert hat viel Fotos gemacht, von drinnen, ich hab's nicht bemerkt. Auf manchen sieht man meine Wut, Verzweiflung, mein nicht verstehen von der anderen Welt, den anderen Empfinden eines autistischen Kindes!
Oh ... ich hatte Kräfte! Der Schnee war schwer, ich hab gerollt, hochgehoben, Löcher zugestopft!


"Mama, schau doch mal her ... entschuldige, dass ich so war, ich hab Dich liiiieb!" ... und klick macht er, der Robert. Und dann haut er das Wohnzimmerfenster wieder zu.


Nach einer Stunde austoben im Schnee war ich nass und kalt.
Hab mich drinnen gewärmt, war noch sehr in Gedanken versunken, und da war er dann schon wieder:
mein Haus-und Hofpaparazzi!

 Wir konnten miteinander reden, ob er es verstanden hat weiss ich nicht. Ihm war kuscheln und fest drücken (wer sagt eigentlich immer, dass Autisten das nicht aushalten können?) ganz wichtig.
Ihr seht schon:
Der Autismus ist mit umgezogen .... ach ja!

Kommentare:

  1. Ich lese schon länger mit hier bei Ihnen. Ich habe selber keinen Blog, ich habe einen Sohn mit 19 Jahren, auch er hat frühkindlichen Autismus. Das was Sie erleben kenne ich zu gut. Leider kann man nicht immerzu diese Kraft haben, die Balance finden mit dem Kind zu leben, selber den Weg mitzugehen. Schauen Sie sich schon jetzt nach Wohnmöglichkeiten um, irgendwann braucht Robert diese Möglichkeiten und auch Sie als Eltern. Wenn Robert älter, schwerer ist werden Sie ihn nicht mehr von der Strasse wegtragen können.
    Ich musste mein Kind aus einem See retten, im März! Er wollte unbedingt baden, es entwickelte sich so wie gestern bei Ihnen im Schnee. Er sprang tatsächlich in das eiskalte Wasser. Die Stelle war gleich tief, es war schrecklich, er konnte nicht schwimmen, also nicht so gut. Da war er 14 Jahre alt. Ab da wussten wir, dass er eine zweite Wohn-und Betreuungsmöglichkeit braucht. Ich wurde krank danach, er nicht! Ein alter Mann hat mich nach Haus gebracht damals, wenn ich gehen hätte müssen wäre ich wahrscheinlich an einer Lungenentzündung gestorben. Meinem Sohn geht es gut dort, er wird geachtet. Er mag nicht mehr jedes Wochenende heimkommen, das ist auch gut, er ist erwachsen geworden.
    Mein Sohn sucht noch heute Nähe, Berührung bei dem Bruder, Mama und Papa. Wenn andere ihn anfassen beginnt er zu schreien, sehr laut und schrecklich.Es tut ihm weh sagt er.
    Ich weiss gut, dass Sie sich das nicht vorstellen mögen, dass Robert nicht immer bei Ihnen bleiben kann. Das liest man zwischen den Zeilen. Aber Autismus zieht nicht nur mit um, er bleibt ein Leben lang eine Behinderung die mit dem älter werden noch deutlicher zu bemerken ist. Robert ist noch niedlich, aber auch er wird ein junger Mann. Die Welt erwartet dann anderes, das kann er nicht geben. Ich wünsch ihm dann Menschen die ihn wertschätzen und beschützen vor denen die ihn nicht mögen werden. Er wird das immerwieder spüren, dass er anders ist. Mein Sohn ist erwachsen, wenn er weint, dann weil er unsere Welt nicht versteht. Weil er entsetzt ist über normale Menschen, die ihn Angst machen, ihn auslachen.
    Er rennt auch unter eine Bettdecke wenn alles zu viel ist. Lassen Sie Robert nicht zu lang darunter liegen, er entschwindet sonst darunter.
    Kraftgrüsse von einer Mama die den Mut bewundert so zu schreiben, so in die Öffentlichkeit zu gehen.
    Ich spüre aber auch sehr genau, dass hier Kraft für Sie gegeben wird. Und mancher Post hilft auch mir
    eine Mitleserin die bitte anonym bleiben möchte, Ihre Frau D.

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  2. ...früher oder später war das wohl zu erwarten, liebe Elisabeth,
    du hast ja auch nicht geglaubt, mit dem Umzug den Authismus zurück lassen zu können...positv ist, dass der erste Eindruck, den das Dorf von Robert bekam, so gut ausgefallen ist...jetzt wirst du wieder erklären müssen, um Verständnis und Annahme zu finden...und du kannst das auch...ich wünsch dir ganz viel Geduld und Gelassenheit und Kraft...

    lieber Gruß Birgitt

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  3. Ich glaube, wir alle, die wir hier lesen, waren glücklich über die "pures Glück" Beiträge nach der langen Pause und eurem Umzug. Und wenn wir auch ahnten, dass ein solcher Beitrag wieder kommen würde, hätten wir euch doch eine viiieeel längere Zeit bis dahin gegönnt!

    Frau D. hat so toll kommentiert.

    Ich schreibe eigentlich, um mich zu bedanken für deinen Besuch bei mir im Blog. Ich lese ja meistens still und kommentiere selten, aber wenn dann doch, und wenn ich einen Gegenbesuch bekomme, dann fühle ich mich richtig geehrt und freue mich riesig. Danke!

    Liebe Grüße Margrit

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  4. Liebe Elisabeth,

    lass dich drücken, unendlich lieb drücken. Es ist so, gibt es lange eine gute Zeit, dann wird Hoffnung stärker. Doch da gibt es diese Unbarmherzigkeit, die einfach so wieder mächtig wird und aus dem Nichts heraus zuschlägt.
    Das ist dann einfach schlimm für beide Seiten.
    Und wieder beweist du, dass diese Kraft in dir niemals zu Ende gehen wird, egal wie es mal kommen mag. Du hast schon so sehr viel ausgehalten.

    Auch mir gefällt dieser ehrliche Beitrag von Frau D.

    Ich umarme dich still und lieb
    und möchte dir so gern von meiner Kraft dalassen...

    von Herzen,
    Rachel

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  5. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  6. Liebe Elisabeth,
    irgendwann hatee ich so einen Beitrag wieder erwartet. Schade, dass ihr die Zeit im neuen Zuhause nicht länger sorgenfrei genießen konntet.
    Beim Lesen schossen mir ähnliche Gedanken, wie sie im Kommentar von Frau D. zum Ausdruck kommen durch den Kopf: Was macht ihr, wenn Robert größer undälter wird? Ihr werdet ja nicht jünger.
    Aber der Gedanke sein eigenes Kind quasi für immer in fremde Hände zu geben, ist nicht leicht, aber das Nachdenken darüber sollte erlaubt sein.
    Ich schicke wieder einmal eine Portion Kraft in den Süden, vielleicht schickt ihr dann endlich mal die Sonne in den Norden.

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  7. Oh man liebe Elisabeth,
    das ist schon richtig heftig. Ich bewundere dich dafür ♥
    LG Sabine

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